Ratgeber

Process Orchestration: Definition, Werkzeuge, Grenzen

Mehrere Systeme und Abteilungen, die über eine zentrale Steuerung in Reihenfolge verbunden sind

Process Orchestration, auf Deutsch Prozessorchestrierung, bedeutet, alle Beteiligten eines Prozesses zu koordinieren, damit er von Anfang bis Ende in der richtigen Reihenfolge läuft. Beteiligt sind Menschen, Software und zunehmend KI-Agenten. Der Begriff ist vor allem im Umfeld von Workflow- und BPM-Software verbreitet, dieser Artikel erklärt ihn und zeigt, was er für Hersteller mit Auftragsfertigung heißt.

Was bedeutet Process Orchestration?

Process Orchestration ist die Koordination aller Teile eines Geschäftsprozesses, damit sie in der richtigen Reihenfolge zusammenarbeiten. Der Anbieter Camunda beschreibt es als Technik, die die „beweglichen Teile“ eines Prozesses koordiniert und auch mehrere Prozesse verbinden kann. Sie umfasst menschliche und automatisierte Aufgaben und arbeitet mit den Werkzeugen, die ein Unternehmen schon hat.

Das Bild dazu ist der Dirigent. Tonkean schreibt, ein Dirigent spiele selbst kein Instrument, sorge aber dafür, dass die richtigen Instrumente zur richtigen Zeit einsetzen. Tonkean grenzt das von bloßer Integration ab, die nur zwei Systeme verbindet und deren Daten abgleicht.

Praktisch heißt das: Eine zentrale Steuerung, die Activepieces als „zentrales Gehirn“ bezeichnet und oft Engine nennt, legt fest, welcher Schritt zuerst kommt, welche parallel laufen und welche warten müssen. Sie wiederholt fehlgeschlagene Schritte oder alarmiert eine Person und hält Erfolge, Fehler und Dauer fest (so beschreibt es Activepieces). Als Beispiel für einen Ende-zu-Ende-Ablauf nennt dieser Anbieter Order-to-Cash mit Lagerbestand, Rechnung, Buchung und Versand.

Wie unterscheidet sich Orchestrierung von Automatisierung, Workflow und BPM?

Orchestrierung koordiniert den ganzen Prozess, Automatisierung erledigt eine einzelne Aufgabe darin. Die folgende Tabelle ordnet die Begriffe nach den genannten Anbietern ein.

BegriffWas er meintReichweite
AufgabenautomatisierungEine Aktion läuft ohne Menschen ab, etwa eine Mail versendenEin Schritt
Workflow-AutomatisierungEin Prozess wird automatisiert, meist innerhalb einer AbteilungEin Prozess
OrchestrierungAbteilungen, Anwendungen und Menschen werden über einen Prozess hinweg koordiniertEnde zu Ende
BPMDisziplin zum Gestalten und Verbessern von ProzessenMethodik, nicht Ausführung
RPABots ahmen Klicks und Eingaben nachOberfläche einzelner Anwendungen

Die Einordnung folgt Activepieces, die Orchestrierung als Ausführungsebene sehen, auf der das im BPM Entworfene läuft. Das ist die Sicht eines Anbieters.

Die Begriffe sind nicht scharf getrennt. Anbieter verwenden sie unterschiedlich, und was bei einem „Orchestrierung“ heißt, nennt ein anderer „Workflow“.

Wie die Modellierung und die Ablaufsteuerung in Prozessmanagement-Software zusammenhängen, steht im Artikel zu Prozessmanagement-Software.

Aus welchen Bausteinen besteht eine Orchestrierung?

Eine Orchestrierung besteht typischerweise aus einer Engine, einer Anbindung an die Systeme, Regeln für Entscheidungen, einer Modellierung und einer Überwachung. Activepieces nennt sechs Bausteine, davon vier in diesem Zusammenhang wichtig.

  • Die Orchestrierungs-Engine steuert Reihenfolge, parallele Schritte, Wiederholungen und Verlauf.
  • Die Integrationsschicht übersetzt zwischen Systemen mit unterschiedlichen Schnittstellen.
  • Geschäftsregeln entscheiden anhand der Daten, wohin ein Vorgang geht.
  • Fehlerbehandlung sieht Wiederholungen, Ausweichwege und manuelle Aufgaben für Fälle vor, die eine Person braucht.

Tonkean ergänzt, dass Orchestrierung mehr ist als Schnittstellen. Zwei verbundene Systeme sind noch keine Orchestrierung, weil diese erst über Systemgrenzen hinweg steuert. Dazu gehört auch die Gestaltung dessen, was Menschen sehen: wie sie freigeben, prüfen und Ausnahmen bearbeiten.

Welche Beispiele gibt es für Orchestrierung und Prozessautomatisierung?

Beispiele sind Anfragen, die automatisch beantwortet oder weitergeleitet werden, Formulare, die Felder aus angebundenen Systemen vorausfüllen, und Abläufe, die Arbeit zwischen Teams übergeben. Tonkean führt diese Fälle auf, mit KI-Unterstützung für Fragen und für die Eskalation an Menschen.

Das sind überwiegend Beispiele aus Einkauf, IT und Verwaltung. Dort sind die Abläufe wiederkehrend, die Schritte vorab bekannt und die Varianten überschaubar. Das ist das Feld, in dem Orchestrierung ihre Stärken ausspielt.

Welche Werkzeuge gibt es, und gibt es ein Ranking?

Es gibt keine seriöse Rangliste der besten fünf Werkzeuge, weil die Eignung von Ihren Systemen, Ihrem Team und dem Prozess abhängt. Hilfreicher ist die Einteilung in Kategorien. Dreher Consulting stellt sechs Produkte aus sechs Kategorien vor: Microsoft Visio als BPMN-Werkzeug, iGrafx Process360 Live als BPM-Suite mit Schwerpunkt Governance, Risiko und Compliance, Camunda 8 als Orchestrierungsplattform für Entwicklungsteams, AristaFlow für adaptive Workflows im deutschsprachigen Mittelstand, Appian Process Mining als Low-Code-Plattform mit Process Mining und Celonis für Process Intelligence. Die Auswahl ist laut dem Beitrag nicht vollständig und keine Empfehlung.

Als Gesichtspunkte für die Wahl nennt dieselbe Quelle die Regulierung der Branche, die vorhandene ERP-Landschaft, die Stärken des eigenen Teams, die Prozessstrategie sowie einmalige und laufende Kosten.

Welche Rolle spielen KI-Agenten in der Orchestrierung?

Anbieter beschreiben, dass KI-Agenten inzwischen in orchestrierte Abläufe eingebaut werden. Camunda nennt das agentische Orchestrierung: Feste Schritte übernehmen bekannte, wiederholbare Wege, Agenten die unvorhersehbaren. Tonkean beschreibt Agenten, die neben Mitarbeitenden Abläufe koordinieren, innerhalb konfigurierbarer Regeln und Leitplanken, im Chat oder im Hintergrund. Beides ist Anbietersicht. Unabhängig davon bleibt die Frage, wer entscheidet: Bei Freigaben, Änderungen und Ausnahmen sind es weiter Menschen. Mehr zu Agenten in der Fertigung steht im Artikel zu agentic AI in der Produktion.

Wo stößt Orchestrierung an Grenzen?

Dort, wo Abläufe komplex, lang laufend oder ständig im Wandel sind. Camunda berichtet in seinem „2025 State of Process Orchestration & Automation Report“ über eine Befragung von 800 Führungskräften: 78 Prozent sagen, dass komplexe Ablaufmuster oder lang laufende Prozesse die durchgängige Automatisierung erschweren, und 72 Prozent, dass Automatisierung mit organisatorischem Wandel nicht Schritt halten kann. Das ist eine Befragung durch einen Anbieter von Orchestrierungssoftware, die Zahlen gelten für alle Branchen und sind kein Maß für Ihren Betrieb. Sie passen aber zur Beobachtung, dass ein starr modelliertes Ende-zu-Ende-Modell bei wechselnden Aufträgen schnell veraltet.

Was heißt das für Hersteller mit Auftragsfertigung?

Orchestrierung hilft dort, wo sich die Schritte vorab festlegen lassen. Bei Sondermaschinen und Anlagen ist das nur teilweise der Fall. Jeder Auftrag hat eigene Unterlagen, eigene Rückfragen und Änderungen nach Auftragseingang, und die Reihenfolge der Schritte hängt vom Einzelfall ab. Ein starres Modell müsste jede Variante vorsehen oder wird laufend von Hand ausgehebelt.

Hinzu kommt der Aufwand. Eine Engine anzubinden, zu modellieren und zu pflegen erfordert Fachleute, die in vielen Betrieben knapp sind.

Ein anderer Weg ist, Übergaben nicht starr zu modellieren, sondern an jeder Übergabe den nächsten Schritt mit den nötigen Unterlagen vorzuschlagen, den die zuständige Person bestätigt, ändert oder stoppt. So arbeitet Keralo. Die Software ist keine Orchestrierungsplattform und kein BPM-Werkzeug, sie legt den Ablauf nicht vorab fest, sondern bereitet jede Übergabe vor. Wie solche Übergaben zwischen Abteilungen typischerweise hängen bleiben, steht im Artikel zu den Schnittstellen zwischen Abteilungen. Die Rolle von Agenten dabei beschreibt die Seite zu KI-Agenten.

Wo ein Ablauf erst einmal sichtbar werden soll, bevor man ihn steuert, hilft Process Mining. Es analysiert nachträglich, steuert aber nichts.

Nächster Schritt

KI-Agenten bei Übergaben kennenlernen

Auf der Seite zu KI-Agenten beschreiben wir, wie Agenten an Übergaben zwischen Abteilungen den nächsten Schritt vorschlagen und Menschen entscheiden. Wenn Sie vorher einen echten Auftrag durchgehen möchten, ist die kostenlose Analyse der bessere Einstieg.

FAQ

Häufige Fragen

Welche Beispiele für Prozessautomatisierung gibt es?

Genannt werden etwa Formulare, die Felder aus angebundenen Systemen vorausfüllen, oder Anfragen per Mail, die automatisch beantwortet oder an die richtige Stelle weitergeleitet werden. Im Auftragsgeschäft wäre ein Beispiel, dass eine Bestellanforderung nach Freigabe der Stückliste automatisch angelegt wird.

Welche Automatisierungswerkzeuge gibt es?

Dreher Consulting stellt etwa BPMN-Werkzeuge, BPM-Suiten, Orchestrierungsplattformen, Werkzeuge für adaptive Workflows, Low-Code-Plattformen mit Process Mining und Process-Intelligence-Software vor. Eine Rangliste der fünf besten Werkzeuge ist ohne Ihre Systemlandschaft nicht seriös, deshalb nennen wir keine.

Was sind die Schritte eines Workflows?

Ein Workflow besteht aus einzelnen Schritten, Entscheidungspunkten und Übergaben, die in einer festgelegten Reihenfolge ablaufen. Activepieces beschreibt für die Orchestrierung acht Schritte, von der Modellierung über die Anbindung der Systeme bis zur Auswertung.

Fazit

Orchestrierung koordiniert einen Prozess über Systemgrenzen hinweg, Automatisierung erledigt einzelne Aufgaben darin. Für wiederkehrende, gut beschreibbare Abläufe ist sie etabliert. Bei Aufträgen, die jedes Mal anders konstruiert werden, hängt viel davon ab, ob sich die Schritte vorab festlegen lassen.